Das Altstadtwohnen sollte wieder vermehrt gefördert werden – gerade im Zeitalter der Zersiedelung. Die Solothurner Altstadt besteht zu einem Grossteil aus Wohnraum. Von vier Geschossen einer Altstadtliegenschaft haben oft drei Wohnfunktion. Auch als Wohnhäuser haben die Altstadtliegenschaften kulturhistorische Bedeutung. Und: Das Wohnen verleiht der Altstadt jene Stabilität, welche durch die Nutzung der Erdgeschosse im Zuge der Strukturwandlung teilweise verloren geht.

 

Es wird leider gerne vergessen, dass das Wohnen die wichtigste Funktion des Ortskernes oder der Altstadt ist. Meist sind drei von vier Geschossen einer Altstadtliegenschaft dem Wohnen zugeschlagen. Das Wohnen vermag in der Regel die historische Bausubstanz zu tragen, und bietet mit den Bewohnenden eine Kundengruppe für den Detailhandel und die Gastronomie in der Altstadt.  Das Wohnen in der Altstadt sorgt für Stabilität und ist deshalb eine Chance. Denn, je instabiler eine Altstadt wird, um so hektischer werden die Reaktionen der Eigentümer, um so weniger besonnen und strategisch lässt sich das eigentliche Problem angehen. Aus diesem Grund kommt dem Wohnen eine zentrale Rolle zu. Es ist nicht Ersatz für die Erdgeschossnutzung sondern steht für die Stabilität, die bisher von der Erdgeschossnutzung ausging. Unter dem Mantel dieser neu gefundenen Nachhaltigkeit kann der Nutzungsmix der Altstadt neu verhandelt und betrachtet werden.

Die Qualität des Altstadtbewohnens muss in der urbanen Dichte gesucht werden. Sie kann sich nicht messen mit den Angeboten in der Peripherie, wo Licht, Platz und Parkplatz zu ähnlichen Preisen winken. In der Stadt muss die Stadt zelebriert werden, bis hinein ins historische Detail. Bei geschickter Kombination von Innen- und Aussenräumen ist in der Altstadt attraktives Wohnen möglich, auch für Familien.

Was in grossen Städten schon lange hip, teuer und in ist, muss in den kleinen Städten sorgsam als Wert aufgebaut werden. Hier ist die Nachfrage nach dem Wohnen in der Altstadt noch verhalten. Meist fehlt es den Ortsansässigen an Bildern, wie in der Altstadt eigentlich gelebt werden könnte, und wie das umzusetzen wäre. Zu lange haben sie mit einer Altstadt gelebt, die als Wohnort zweitrangig war, weil der Handel im Zentrum stand. Dazu kommt, dass der Aufbruch der Moderne hin zu mehr Licht, Raum und Bewegungsfreiheit in der Altstadt nur begrenzt vollzogen werden konnte. Je ländlicher eine Gegend, um so mehr wirkt noch das Schwere, Düstere als Bild der Altstadt in den Köpfen nach. Es ist der mit der Moderne übersättigte Städter, der den Charme der Altbausubstanz lesen und wieder erwecken kann.

Die Förderung der Wohnnutzung muss zuerst bei den Bildern, den Werten ansetzen. Sie müssen neu belebt, neu gesetzt, neu positioniert werden. Es reicht nicht, vom Wohnen zu reden. Es reicht auch nicht, aufzuzeigen, dass sich Sanierungen rechnen können oder dass es Interessenten dafür gibt. Erst wenn die Überzeugung wächst, dass die alte Stadt auch wieder die neue Stadt sein wird, kann sich etwas ändern.

Dieser Wandel von Bildern, Haltungen, Einstellungen und Überzeugungen ist eine Aufgabe, die Zeit und Energie braucht. Wie immer, wenn es um emotionale Werte geht, braucht es mehrere Quellen der Überzeugung, am besten Menschen, die von aussen kommen und sagen, wie sie die Stadt erleben und was sie darin an Werten sehen.

Dieser Wandel geht von den Obergeschossen aus. Hier lassen sich aufgrund der stabilen Nachfrage nach Wohnen Impulse generieren und Sicherheiten erzeugen.

Vergleiche: Netzwerk-Altstadt.ch

und:

Schlussbericht über die Forschungstätigkeit Netzwerk-Altstadt

 

In den letzten Jahren wurde die Bedeutung der Altstadt als Wohnraum wieder erkannt. Viele Altstadtliegenschaften wurden teilweise aufwendig saniert, Wohnungen wurden renoviert, umgebaut oder in den Obergeschossen neu eingebaut und bieten wieder zahlreichen Menschen Freude.

Ein wohnliches Zentrum steht für eine funktionierende Nutzung der Altstadtliegenschaften als Wohn- und Geschäftshäuser. Auch in Solothurn. Ein Miteinander von Läden, Restaurants und Wohnraum macht den Charme und die Attraktivität einer Altstadt aus. Ein Trumpf, der mit Vorteil nicht verspielt wird.

Sollen Altstadtliegenschaften weiterhin und wieder vermehrt als “Wohnraum für alle” genutzt werden – für Familien genauso wie für ältere Menschen? Sollen die kleinen Lädeli, Kleinbetriebe und kleine Familienbetriebe wieder vermehrt eine Chance haben, in der Altstadt zu bestehen? Wir finden ja. Und gerade im Zeitalter der Zersiedelung unbedingt!  Sie auch?

Dann helfen Sie mit, dass die Altstadt nicht «belebt» werden muss, sondern wirklich leben kann; mit echten Einwohnern aus allen Einkommens- und Altersgruppen;

Bewohnen sie die Altstadt von Solothurn und

  • geben sie Menschen, die sich einzeln oder als Familie direkt für den Erhalt und die Weiterentwicklung von Altstadthäusern als Wohnraum einsetzen vermehrt eine Chance;
  • stärken sie das Bewusstsein für die Einzigartigkeit der Altstadtwohnungen: Jede einzelne Altstadtliegenschaft hat ihre Geschichte. Als Bewohner und/oder Besitzerin sind sie Teil dieser und tragen persönlich eine besondere Verantwortung.

 

Es braucht

  • eine wieder markant bessere Positionierung der Altstadt als Wohnraum;
  • Menschen, welchen die Altstadt als Wohnraum wertvoll ist;
  • Politiker und Behörden, welche die Altstadt als Wohnraum  positionieren, fördern und entwickeln;
  • eine Sensibilisierung auf die Problematik, beispielsweise durch jump-tv,  Schweizer Radio SRF;
  • den Einsatz, Erhalt, Unterhalt und die Weiterentwicklung von Altstadtliegenschaften als Wohnhäuser. Dabei können das Netzwerk Altstadt und das Bundesamt für Wohnungswesen Unterstützung sein.

 

Lukas Rüefli